Ein Kommentar von Andreas Klamm
Neuhofen
/ Berlin / Rhein-Pfalz-Kreis. Es ist
eine beunruhigende Entwicklung, die wir im Januar 2026 im politischen Berlin
beobachten. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich die Notwendigkeit von
Krankheitstagen hinterfragt und eine „Abkehr von der Bequemlichkeit“ fordert,
dann ist das weit mehr als nur eine wirtschaftspolitische Debatte über den
Standort Deutschland. Es ist ein frontaler Angriff auf die Würde jener
Menschen, die ohnehin am Rande ihrer Kräfte für gesellschaftliche Teilhabe
kämpfen.
Als
Journalist, der seit Jahrzehnten die sozialen Bruchstellen unserer Gesellschaft
dokumentiert, und als jemand, der selbst mit den täglichen Herausforderungen
einer schweren Behinderung lebt, kann ich hierzu nicht schweigen. Die aktuelle
Rhetorik der Bundesregierung rückt Krankheit und Behinderung in die Nähe eines
moralischen Versagens. Wer krank ist, so die mitschwingende Botschaft, stehle
dem Wohlstand die Zeit.
- Andreas Klamm glaubt, dass die Form der Kommunikation des Bundeskanzlers in Bezug zu behinderten und kranken Menschen in Deutschland nicht nur empathielos ist, sondern ist nach dessen Überzeugung auch rechtswidrig. Wie können behinderte und chronische kranke Menschen vor Diskriminierung geschützt werden? Foto: Andrew. P. Harrod
Ein
Verstoß gegen das Fundament unserer Demokratie
Diese
Form der Kommunikation ist nicht nur empathielos, sie ist nach meiner festen
Überzeugung rechtswidrig. Wir müssen uns fragen: Wo bleibt der Schutzraum des Grundgesetzes?
Artikel
1 garantiert die Unantastbarkeit der Menschenwürde.
Artikel
3 untersagt explizit die Benachteiligung aufgrund von
Behinderung.
Wenn
der Kanzler den hohen Krankenstand pauschal als Ausdruck mangelnder
Arbeitsmoral diffamiert, unterstellt er Millionen von Menschen – darunter
chronisch Kranken und Menschen mit Behinderungen – ein manipulatives Verhalten.
Das ist eine Stigmatisierung, die den Geist der UN-Behindertenrechtskonvention
(UN-BRK) mit Füßen tritt. Insbesondere Artikel 8 der UN-BRK
verpflichtet den Staat, Vorurteile abzubauen, anstatt sie durch
regierungsamtliche Rhetorik neu zu befeuern.
Die
Ökonomisierung des Lebens
Wir
erleben eine gefährliche Verschiebung: Der Wert des Menschen wird zunehmend nur
noch an seiner messbaren, ökonomischen Leistungsfähigkeit bemessen. Doch was
ist mit denen, die aufgrund von Unfällen oder chronischen Leiden nicht in das
Raster einer 40-Stunden-Woche passen? Mit dem „Merkzeichen G“ im
Schwerbehindertenausweis ist man kein „bequemer“ Bürger, sondern ein Mensch,
der trotz Hindernissen versucht, Teil dieser Gesellschaft zu sein.
Meine
förmliche Beschwerde und Petition an den Deutschen Bundestag, den Behindertenbeauftragten
und den Bundespräsidenten ist daher mehr als ein bürokratischer Akt. Sie ist
ein notwendiger Notruf. Eine Regierung, die Krankheit zur Charakterfrage
verklärt, verlässt den Boden des sozialen Friedens.
Menschen,
die sich ebenfalls diskriminiert fühlen können gerne meine öffentliche
Beschwerde, Rüge und Petition unterschreiben, mitzeichnen und teilen bei https://www.change.org/p/diskriminierung-chronischer-kranker-und-behinderter-menschen
Ein
Aufruf zur Solidarität
Es
ist an der Zeit, dass wir als Zivilgesellschaft laut werden. Wir dürfen nicht
zulassen, dass eine „Leistungskultur“ zur Diskriminierungskultur mutiert.
Kranke und behinderte Menschen sind keine Kostenfaktoren, die man durch
moralischen Druck „gesundbeten“ oder in die Arbeit zwingen kann. Sie sind
Träger unveräußerlicher Rechte.
Die
Politik ist gut beraten, zur Sachlichkeit zurückzukehren und die
völkerrechtlichen Verträge, die Deutschland unterzeichnet hat, endlich ernst zu
nehmen. Würde ist kein Gut, das man sich durch Überstunden erst verdienen muss.
Über
den Autor: Andreas Klamm ist Journalist, Autor und
Gründer von Regionalhilfe.de. Er arbeitet seit 1984 in den Medien und ist zudem
ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Rettungssanitäter. Der
Autor des Beitrages ist in der Folge von Unfällen, schwerbehindert mit
Merkzeichen G, chronisch schwer krank und außergewöhnlich stark gehbehindert.
Seit Juli 2024 ist Andreas Klamm gewähltes Mitglied im Kreistag des
Rhein-Pfalz-Kreis, zudem ist Andreas Klamm Mitglied im Kreisseniorenbeirat im
Rhein-Pfalz-Kreis und seit 2015 Mitglied in Die Linke sowie seit Anfang der
1990er Jahre Mitglied in der Gewerkschaft ver.di. Klamm setzt sich seit Jahrzehnten für Teilhabe,
Inklusion, Frieden, Menschenrechte, Soziales und Völkerrecht ein und hat als
Autor mehr als 12 Bücher veröffentlicht.
Beitrag
bei Wochenblatt Reporter
Die
Würde des Menschen ist kein Wirtschaftsfaktor: Warum die Rhetorik des
Bundeskanzlers gefährlich ist

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