Sonntag, 8. Februar 2026

Die Würde des Menschen ist kein Wirtschaftsfaktor: Warum die Rhetorik des Bundeskanzlers gefährlich ist

Ein Kommentar von Andreas Klamm

 

Neuhofen / Berlin / Rhein-Pfalz-Kreis. Es ist eine beunruhigende Entwicklung, die wir im Januar 2026 im politischen Berlin beobachten. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich die Notwendigkeit von Krankheitstagen hinterfragt und eine „Abkehr von der Bequemlichkeit“ fordert, dann ist das weit mehr als nur eine wirtschaftspolitische Debatte über den Standort Deutschland. Es ist ein frontaler Angriff auf die Würde jener Menschen, die ohnehin am Rande ihrer Kräfte für gesellschaftliche Teilhabe kämpfen.

 

Als Journalist, der seit Jahrzehnten die sozialen Bruchstellen unserer Gesellschaft dokumentiert, und als jemand, der selbst mit den täglichen Herausforderungen einer schweren Behinderung lebt, kann ich hierzu nicht schweigen. Die aktuelle Rhetorik der Bundesregierung rückt Krankheit und Behinderung in die Nähe eines moralischen Versagens. Wer krank ist, so die mitschwingende Botschaft, stehle dem Wohlstand die Zeit.

 


  • Andreas Klamm glaubt, dass die Form der Kommunikation des Bundeskanzlers in Bezug zu behinderten und kranken Menschen in Deutschland nicht nur empathielos ist, sondern ist nach dessen Überzeugung auch rechtswidrig. Wie können behinderte und chronische kranke Menschen vor Diskriminierung geschützt werden? Foto: Andrew. P. Harrod

Ein Verstoß gegen das Fundament unserer Demokratie

Diese Form der Kommunikation ist nicht nur empathielos, sie ist nach meiner festen Überzeugung rechtswidrig. Wir müssen uns fragen: Wo bleibt der Schutzraum des Grundgesetzes?

 

Artikel 1 garantiert die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

 

Artikel 3 untersagt explizit die Benachteiligung aufgrund von Behinderung.

 

Wenn der Kanzler den hohen Krankenstand pauschal als Ausdruck mangelnder Arbeitsmoral diffamiert, unterstellt er Millionen von Menschen – darunter chronisch Kranken und Menschen mit Behinderungen – ein manipulatives Verhalten. Das ist eine Stigmatisierung, die den Geist der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) mit Füßen tritt. Insbesondere Artikel 8 der UN-BRK verpflichtet den Staat, Vorurteile abzubauen, anstatt sie durch regierungsamtliche Rhetorik neu zu befeuern.

 

Die Ökonomisierung des Lebens

Wir erleben eine gefährliche Verschiebung: Der Wert des Menschen wird zunehmend nur noch an seiner messbaren, ökonomischen Leistungsfähigkeit bemessen. Doch was ist mit denen, die aufgrund von Unfällen oder chronischen Leiden nicht in das Raster einer 40-Stunden-Woche passen? Mit dem „Merkzeichen G“ im Schwerbehindertenausweis ist man kein „bequemer“ Bürger, sondern ein Mensch, der trotz Hindernissen versucht, Teil dieser Gesellschaft zu sein.

 

Meine förmliche Beschwerde und Petition an den Deutschen Bundestag, den Behindertenbeauftragten und den Bundespräsidenten ist daher mehr als ein bürokratischer Akt. Sie ist ein notwendiger Notruf. Eine Regierung, die Krankheit zur Charakterfrage verklärt, verlässt den Boden des sozialen Friedens.

 

Menschen, die sich ebenfalls diskriminiert fühlen können gerne meine öffentliche Beschwerde, Rüge und Petition unterschreiben, mitzeichnen und teilen bei https://www.change.org/p/diskriminierung-chronischer-kranker-und-behinderter-menschen

 

Ein Aufruf zur Solidarität

 

Es ist an der Zeit, dass wir als Zivilgesellschaft laut werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine „Leistungskultur“ zur Diskriminierungskultur mutiert. Kranke und behinderte Menschen sind keine Kostenfaktoren, die man durch moralischen Druck „gesundbeten“ oder in die Arbeit zwingen kann. Sie sind Träger unveräußerlicher Rechte.

 

Die Politik ist gut beraten, zur Sachlichkeit zurückzukehren und die völkerrechtlichen Verträge, die Deutschland unterzeichnet hat, endlich ernst zu nehmen. Würde ist kein Gut, das man sich durch Überstunden erst verdienen muss.

 

Über den Autor: Andreas Klamm ist Journalist, Autor und Gründer von Regionalhilfe.de. Er arbeitet seit 1984 in den Medien und ist zudem ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger sowie Rettungssanitäter. Der Autor des Beitrages ist in der Folge von Unfällen, schwerbehindert mit Merkzeichen G, chronisch schwer krank und außergewöhnlich stark gehbehindert. Seit Juli 2024 ist Andreas Klamm gewähltes Mitglied im Kreistag des Rhein-Pfalz-Kreis, zudem ist Andreas Klamm Mitglied im Kreisseniorenbeirat im Rhein-Pfalz-Kreis und seit 2015 Mitglied in Die Linke sowie seit Anfang der 1990er Jahre Mitglied in der Gewerkschaft ver.di. Klamm setzt sich seit Jahrzehnten für Teilhabe, Inklusion, Frieden, Menschenrechte, Soziales und Völkerrecht ein und hat als Autor mehr als 12 Bücher veröffentlicht.

 

Beitrag bei Wochenblatt Reporter

 

Die Würde des Menschen ist kein Wirtschaftsfaktor: Warum die Rhetorik des Bundeskanzlers gefährlich ist

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